Theaterkritiken von Oberstufenschülern

Vor langer Zeit im Mai

Kontakt: Edmund Hensle

Aktualisierung: 9.5.2002


Chaos im Gefühls-Crash

Eine Theaterkritik von Christian Schwend, Susanne Füner, Mirjam Kaiser

Das Theaterstück „Vor langer Zeit im Mai“ von Roland Schimmelpfennig hat nicht wie jedes normale Stück eine vollkommen durchstrukturierte Handlung und es erzählt auch nicht wie die anderen eine Geschichte. „Vor langer Zeit im Mai“ ist ein Stück, zusammengesetzt aus verschiedenen, sich wiederholenden Szenen, deren symbolische Bedeutung kaum zu übersehen ist. Die symbolische Darstellung unseres Lebens, welches ein unüberwindlicher Kreislauf ist, ergreift vor allem die Älteren unter uns, da sie, über mehr Erfahrungen verfügend, den Inhalt und seine Bedeutung am besten verstehen und auf sich selbst beziehen können.

Szenen, in denen sich Liebespärchen gegenseitig Fragen nach dem Befinden des anderen, nach dem Fahrrad, nach dem Koffer und nach einer mysteriösen Freundin stellen, gehen dazu über, dass ein Jüngling, später auch zwei, auf einem Fahrrad zu den Pärchen stößt, sie mit seinem Fahrrad umkreist, um schließlich durch einen dunklen Vorhang zu fahren und absichtlich einen Crash zu verursachen. Szenen fügen sich in das Stück ein, in denen verschiedene Personen mit Koffern auftauchen und mit diesen zu Boden fallen. Zwischendurch tritt immer wieder eine Rokokodame auf, welche kurz wartet und sich umsieht, um dann schließlich wieder zu verschwinden. Besenfrauen kommen auf die Bühne um zu fegen. Eine von ihnen stimmt ein Lied über die Vergänglichkeit der Liebe an, während sich gleichzeitig Liebespaare auf der Bühne befinden.

Nach und nach steigern sich die Szenen, gehen immer mehr ineinander über. Immer mehr Personen befinden sich gleichzeitig auf der Bühne. So kommen nach und nach auch die unterschiedlichen Charaktere miteinander in Berührung. Die Pärchen werden in ihrem Verhalten zueinander immer aggressiver. Wo sie vorher noch zärtlich und turtelnd waren, streiten sie sich nun. Der Jüngling auf dem Fahrrad fährt immer schneller auf seinem Fahrrad.

Dann wieder sind die Pärchen sehr zärtlich zueinander, und die Streitereien sind vergessen.

Im Verlauf des Stückes entkleiden sich die Personen immer mehr.

Schließlich kommt es zur Eskalation; einige Personen heben ein Fahrrad auf einen Rollwagen und steuern diesen direkt in einen Vorhang. Es kommt zum Riesencrash. Am Ende sind alle Personen auf der Bühne und bilden Liebespärchen, welche sich umarmen, sich Lebewohl sagen und gehen.  

Die Theater-AG des Scheffelgymnasiums kam mit sehr wenig Requisiten aus. Sie gebrauchte nur drei Fahrräder, ein paar Bänke, auf die sich die Liebespärchen setzen konnten, einen Koffer, die Kostüme für die Schauspieler und natürlich Schminke für deren Maske. Die schwarzen Vorhänge an drei Seiten der Bühne übernehmen die Funktion von Türen. Die Jünglinge auf dem Fahrrad verschwinden, um einen Crash zu verursachen, immer hinter ein- und demselben Vorhang.

Hervorzuheben ist, dass das Stück mit sehr wenig Sprache auskommt. Überhaupt wird, wenn geredet wird, nur in Dialogen gesprochen. Im Vordergrund stehen hier die Fragen nach dem Koffer, nach dem Fahrrad und nach der Freundin. Gespräche finden ausschließlich unter den Pärchen statt. Außer dem Lied der Besenfrau wird ansonsten kein weiteres Wort verwendet.

Die leitmotivische Begleitmusik und die technisch gelungene Beleuchtung unterstreichen und betonen die jeweilige Situation bzw. Atmosphäre. Die vier Charaktere des Stückes werden immer wieder von verschiedenen Schauspielern gespielt, um deren Allgemeinheit zu veranschaulichen. Die Paare verfügen über verschiedene Charaktere, die Besenfrau ist immer ruhig und eifrig am Fegen, der Radfahrer, die Pärchen beobachtend, verursacht immer absichtlich einen Unfall. Die Rokokodame schließlich ist ein wartender Charakter, der irgendwie verloren wirkt.  

Die wesentlichen Elemente mit wichtiger symbolischer und deshalb für die Interpretation von großer Bedeutung sind der Koffer und das Fahrrad, im weiteren Sinne auch die mysteriöse Freundin.

„Vor langer Zeit im Mai / da waren wir noch so wie der Mai / und als wir so waren wie der Mai / da waren wir noch zu zwei’n." Der Liedtext drückt die Sehnsucht nach vergangenem Liebesglück aus, als im Wonnemonat Mai noch niemand an Trennung dachte und daran, dass der Liebesrausch-Cocktail aus Zärtlichkeit und Glücksgefühl bald vorbei sein könnte. „Allein zu sein ist so leicht, schwer ist es nur zu zweit / wann immer ich zwei Freunde seh’ / denk’ ich an die Zeit...(...)."

Diese Kontroverse aus dem Wunsch nach Nähe und gleichzeitiger Distanz, die unaufhaltsam immer weiter fortschreitet, drückt die immerwährende Sehnsucht nach Glück, Gemeinsamkeit und Liebe aus - und doch schleichen sich unaufhaltsam und wohl unwiderruflich gegenseitiges Unverständnis, Desinteresse und Langeweile ein - ohne dass die Paare es wollten. Der Prozess der Entfremdung ist unaufhaltbar. Auf intensive Gefühle des Glücks folgen zwangsläufig genau gleich kongruente Gefühle des Unglücks... Nichts darf ewig dauern, auch wenn wir es uns manchmal aus tiefstem Herzen wünschen würden und so gerne wir die Zeiger der Uhr, die gejagt und gehetzt (- von wem??) voranstürmen, dahinrasen, anhalten möchten - die Zeit anhalten, um an der tiefen Beziehung zu einem Menschen fest halten zu können. 

Aus Gemeinsamkeit wird Einsamkeit... Es bleibt der ewige Kreislauf des Lebens, das Gleichgewicht der Kräfte und Mächte, wie es in der Natur vorgesehen ist: Nähe und Distanz; Liebe und Hass; Verständnis und Missverstehen; Anziehung und Abstoßung; Hoffnung und Verzweiflung; Glück und Schmerz; Besitz und Verlust - Stichwort Verlustangst: man muss denjenigen fortgehen lassen, den man am liebsten für immer in den Tresor seines Herzens gesperrt hätte... Aber wer lässt sich schon gerne einsperren? Vielleicht ein Grund, warum Beziehungen, deren Nähe- und Distanz-Gleichgewicht nicht ausgewogen ist, zerbrechen müssen... um zu befreien... aber schmerzen wird es immer... und dann folgt die typische Frage, die man sich am Ende einer innigen Beziehung stellt: ob die Zeit wirklich alle Wunden heilt...

Sie sitzen auf Bänken in dem verzweifelten und kontroversen Versuch, die immer unüberbrückbarer werdende Nähe, zu der sie, immerhin gemeinsam auf einer Bank sitzend, wenn auch allen zur Verfügung stehenden Raum ausnutzend, gezwungen sind, durch Distanziertheit zu überwinden... zunächst. Gemeinsame Distanz... Doch dann brechen Fragen nach dem Befinden des anderen durch wie: „Geht es dir gut?“ - verzweifelte Versuche, das Netz auszuwerfen und die letzten vorhandenen emotionalen Reste der Nähe einzufangen. „Tut es sehr weh?“ fragen sie und wollen damit die Bestätigung haben, dass alles gar nicht so schlimm ist... und werden wird. Der Versuch, sich etwas vorzumachen, damit es nicht gar so weh tun möge, die sprachlich-symbolische Thematisierung des Trennungsschmerzes, um ihn dadurch besser verdrängen zu können... Verleugnung der Sehnsucht.

„Hast du das Fahrrad eigentlich noch?“ - „Was ist mit dem Koffer? Weißt’ du nicht mehr...?“ Gegenseitiges Desinteresse; unbewusste, absichtliche Ignoranz; immer die gleichen Fragen; Einen-letzten-Versuch-machen-Strampeleien nach Intimität, ein letztes Mal. Doch jedes Mal folgt der totale (Beziehungs-)Crash - scheinbar absichtlich darauf zugesteuert und bewusst herbeigeführt, ohne jegliche Anzeichen der Unzurechnungsfähigkeit, die man aufgrund des Gefühlschaos vermuten könnte. Die Destruktion als scheinbar der einzige Weg,  auszubrechen... aus einer unglücklichen Beziehung... lange bevor einem der leise Wandel bewusst wird... Glück kann auch belasten... ein Befreiungsschlag.

„Der Koffer? Der war sowieso nur dir wichtig...!“ Der Koffer, der, von verschiedenen Trägern/innen, immer wieder demonstrativ auf die Bühne gezerrt wird, um jedes Mal den Crash vorzuführen: Der Träger stolpert regelrecht die Absicht heraus, mit der er sich und den Koffer zu Boden stürzen lässt. Der Koffer enthält „das große Geheimnis“ - die wechselnden Kostüme (=) Rollen, die die (Schau-)Spieler in der Beziehung einnehmen, symbolhaft im Wechsel der Kleider dargestellt.

Die Freundin...das Erkunden nach ihrem Verbleib hinterlegt das stetig(wachsend)e Misstrauen und zeigt, das man sich eigentlich längst nicht mehr kennt... man hat - und will es auch nicht - keine Ahnung mehr voneinander...

Wieder und wieder kommt das Fräulein mit dem Besen und fegt die Scherben der alten Beziehung weg; den Schmutz, den Staub des Vergänglichen...Sie fegt und fegt - und singt - dagegen an.

Die Rokoko-Dame, die Prinzessin, kommt unvermittelt durch den Vorhang herein als lebendiges Symbol für die ewige, unvergängliche und zeitlose Verkörperung der weiblichen Schönheit - und längst vergangener Zeiten.

Die Steigerung, Eskalation des Ganzen, langsam, breit, aber in stetiger Weise auf die Spitze getrieben, drückt sich durch die immer häufigeren Szenen - und Figurenwechsel aus. Der Ton wird aggressiver; und mit zunehmender Demaskierung, Bloßlegung der Sinnlosigkeit und Vergänglichkeit des Liebesglücks fallen auch die Kleider - und verschwinden im Koffer. Die ewigen Wiederholungen finden ihren Höhepunkt in der verzweifelten Zärtlichkeit der gemeinsamen Schlussszene, in der sich alle Paare gleichzeitig auf der Bühne versammeln und sich - küssen...das (ein)geteilte Chaos im Gefühlscrash...


Nähe und Distanz

Eine Theaterkritik von Ann-Kathrin Ehret

Nachdem die Theater-AG des Scheffel-Gymnasiums die letzten Jahre eher historische bzw. mythologische Stücke aufgeführt hatte, wagte sie sich diesmal an das Werk eines zeitgenössischen Autors. Schimmelpfennigs Stück trug die poetisch-freche Inszenierungsform, die wir von den Schauspielern sowie von der Regie, die wie immer in der Hand von Christa Möllinger lag, gewohnt sind. „Vor langer Zeit im Mai" ist bereits das sechste Theaterstück des 1967 in Göttingen geborenen Roland Schimmelpfennig. Allerdings ist es das erste, das ihn nicht nur als tiefgründigen Dramaturgen, sondern auch als virtuosen Autor ausweist.

Das Stück besteht aus 81 kurzen Bildern, in denen verschiedene Paare aufeinander treffen. Mal beginnt dieses Treffen mit einer leidenschaftlichen Umarmung, mal mit einem zunächst zaghaften, dann leidenschaftlichen Kuss zweier Liebender. Dann endet das Treffen eines ehemaligen Paares in Streit und Schweigen. Die zentralen Gesprächsthemen der Paare stellen ein Fahrrad und ein Koffer dar, wobei die Frau fortlaufend nach der Existenz des Fahrrads fragt und der Mann zu erfahren begehrt, was damals in dem Koffer war. Auch in den Szenen, in denen die Paare nicht aktiv beteiligt sind, dreht sich alles um das Fahrrad und den Koffer. Zunächst nur durch ein Geräusch angedeutet, sehen wir alsbald einen Mann, der mit seinem Fahrrad auf der Bühne Kreise fahrt, anhält, plötzlich zielsicher auf die ihm gegenüberliegende Wand zufährt und dagegen kracht. Hierbei wird der „Crash" akustisch dargestellt.

Das Motiv des Koffers spiegelt sich wortlos im Hintergrund, indem eine leicht bekleidete Frau mit ihrem Koffer auf die Bühne stürzt und dabei hinfällt. Bei ihrem Sturz öffnet sich der Koffer und es fällt ein Kleid heraus - ein Kleid, das eine Dame in der nächsten Szene tragen wird. Diese Szenen wiederholen sich im Laufe des Stückes immer wieder. Die Themen der Paare bleiben gleich, was sich ändert sind die Schauspieler, die Kostüme und die Darstellungsweise. Diese immer wiederkehrenden Szenen werden stets vom Auftritt einer stummen Rokokodame, die sich unter betörender Musik vorsichtig vorwärts bewegt, lange lauscht, sich umsieht, um dann die Bühne wieder genauso geräuschlos zu verlassen, unterbrochen. Auch eine Putzfrau, die, während sie den Boden fegt, ein Lied über eine Liebe im Mai anstimmt, durchbricht einige Male den klaren Ablauf. Im Laufe des Stückes vergrößert sich die Anzahl der jungen Männer auf den Fahrrädern sowie der Frauen, die mit ihren Koffern stürzen. Die Szenen sind allesamt kontrastreich. Mal zeigen sie Nähe, mal Distanz, mal Liebe, mal Entfremdung, mal Komik, mal Melancholie, mal Hoffnung, mal Trauer.

Christa Möllinger sorgte auch dieses Mal wieder dafür, dass Bühnenbild und Maske recht einfach gehalten wurden, um die gesamte Konzentration der Zuschauer auf die Darstellung und die Handlung des Stückes zu lenken. Durch die doch recht offene Form standen den Schauspielern damit viele Möglichkeiten offen, Einfluss auf dieses Stück zu nehmen und ihre Art der Interpretation sowie ihr schauspielerisches Talent einfließen zu lassen. 

Vor allem bei der Darstellung der Paare war dies sehr zu bewundern, welche von melancholisch über einfältig bis hin zur Wut reichte. Die Charaktere waren insgesamt sehr treffend besetzt und spielten ihre Rollen überzeugend. Auch die Überleitungen zwischen den verschiedenen Szenen, teils mit Lichteffekten, teils mit Musik inszeniert, die zum Teil von den Darstellern selbst gesungen wurde, war sehr anregend.

Wie bereits erwähnt, kennzeichnen Wiederholungen den Ablauf der Vorführung; die Frequenz der einzelnen Szenen liegt bei unter 60 Sekunden. Schimmelpfennig versucht so, dem Zuschauer die Vergänglichkeit im Leben nahe zu bringen. Nichts ist von Dauer, auch die Liebe nicht, was die Paare in diesem Stück darstellen. Vor langer Zeit im Mai waren sie einmal ein Liebespaar. Doch auch diese Liebe ist vergangen, nur noch die Flüchtigkeit des Augenblickes bleibt. Erinnerungen an gewissen Dinge sind geblieben, doch auch sie helfen den beiden nicht wieder zueinander zu finden.

„Vor langer Zeit im Mai" ist ein absurdes Stück ohne Grenzen, und Roland Schimmelpfennig schafft es, den Zuschauer zu fesseln und zum Nachdenken anzuregen. Allerdings will er durch dieses Stück keineswegs mit erhobenem Zeigefinger auf unsere Gesellschaft zeigen, vielmehr zeigt er uns mit einem Augenzwinkern, dass es in der Liebe keine Logik zu geben scheint. Nach der Aufführung des Scheffel-Gymnasiums hat wohl kein Zuschauer das Gebäude verlassen, ohne nicht mit anderen gesprochen und versucht zu haben, eine Interpretation oder eine Lösung zu finden. Doch genau dies ist das Besondere an Schimmelpfennigs Stück: Es gibt keine „Lösung", keine allgemeingültige Interpretation. Jeder Zuschauer muss die für ihn passende finden und sich vielleicht etwas davon inspirieren lassen.

 


Vergänglichkeit der Liebe

Eine Theaterkritik von Kathrin Schleimer

Nach dem letzten Stück „Alkestis“, welches eher ein antiken, mythologischen Charakter hatte, wagte sich dieses Jahr die Theater-AG an ein moderneres Stück voller Energie, Spannung und neuen Ideen.

"Vor langer Zeit im Mai" ist ein Stück des aus Göttingen stammenden Autors Roland Schimmelpfennig, der 1967 dort geboren wurde. Nach seinem Aufenthalt in Istanbul und dem Regiestudium in München (1990) wurde er künstlerischer Leiter der Münchner Kammerspiele. Für sein „Fisch um Fisch“ bekam er 1997 den Else-Lasker-Schüler-Förderpreis. Zur Zeit sind seine bekannten Stücke „Arabiens Nacht“ und „Push up 1-3“ auf deutschen Bühnen zu sehen.

"Um was geht es in dem Stück?" – eine Frage, die oft von Zuschauern gestellt wurde, allerdings nicht leicht zu beantworten ist. Die Handlung lässt viel Spielraum für eigene Interpretationen. "Was war jetzt eigentlich mit dem Fahrrad?" "Was ist in dem Koffer gewesen?" "Und was hat es mit der Freundin auf sich?" sowie "Welche Bedeutung hat die Dame in dem Rokokokleid?"

In kurzen Szenen, die selten länger als eine Minute andauern, lässt Schimmelpfennig unterschiedliche Charaktere auftreten. Da sind die Paare auf einer Bank, welche sich in der fortlaufenden Handlung immer wieder die selben Fragen stellen, oder einzelne Akteure, wie der Fahrradfahrer, der nach mehreren Kreisen auf der Bühne blindlings ins Ungewisse fährt, oder die hektisch wirkende, orientierungslose Dame, die mit irrem Blick und Koffer über die Bühne hetzt, hinfällt, sich aufrappelt und davon rauscht.

Die Vergänglichkeit der Liebe wird durch den Kontrast zwischen den einzelnen Paaren, zum einen denen auf der Bank, die sich nicht mehr viel zu sagen haben, und den frisch verliebten Paaren auf der Bühne dargestellt.

Der Koffer, eines der wichtigsten Requisiten, birgt anfänglich, als er noch verschlossen ist, die Vergangenheit, die Geheimnisse der einzelnen Personen. Gegen Ende des Stückes wird der Koffer hin und wieder geöffnet, wobei die Personen nicht nur ihre Kleidung, sondern auch ihre vergängliche, äußere Hülle ablegen beziehungsweise sich in eine neue Person verwandeln. Untermalt werden die Szenen von den gleichen, immer wiederkehrenden Musikeinspielungen. Verschiedene auflockernde Klarinettenklänge geben diesen Szenen einen humorvollen und zum Teil fast witzigen Charakter. So wird einem schnell klar, dass man diese Gesten nicht all zu ernst auffassen darf.

Schimmelpfennig drückt die Dynamik dadurch aus, indem er im Laufe des Stückes die Szenen zeitgleich ablaufen , so immer mehr Personen auf der Bühne auftreten und aufeinandertreffen lässt bis hin zum Höhepunkt des Stückes, der Schlussszene.

Am Ende finden sich alle Paare auf der Bühne wieder, legen ihre Vergangenheit, symbolisiert durch ihre Kleidung ab und verabschieden sich von ihren Partnern mit den Worten: „Leb‘ wohl.“ Zu guter Letzt bleiben die zwei Putzfrauen übrig, welche die Scherben der Vergangenheit auffegen. Stehen sie für die Zeit, die vergeht?

Schimmelpfennig schreibt in einer gut zu verstehenden und umgangssprachlichen Sprache. Dennoch spart er mit seinen Worten und lässt nur das Allernötigste aussprechen.

Regie: Frau Möllinger gestaltete die Inszenierung in ihrer gewohnt reduzierten Requisitennutzung. Ohne durch unnötige Details die Haupthandlung zu beeinträchtigen, werden nur die nötigsten Requisiten benutzt, zu denen Koffer, Fahrrad, Bierbank und Handy gehören. Auf kontrastreiche, aber nicht zu aufwändige Kostümierung und Maske legt Frau Möllinger ebenso viel Wert. Es stechen nur die toupierten Frisuren der Rokokodame und der leichtbekleideten Frau mit dem Koffer heraus.

Wundersam wirkt das Riesenfahrrad mit der fast schwebenden Hintergrundsmusik, und durch die Barockklänge lässt die Dame im Rokokokleid den Zuschauer in eine vergangen Zeit schlüpfen.

Den Schauspielern bleibt viel Platz zur freien Entfaltung. Auch die szenische Darstellung hat sich in den Proben durch Experimentieren von selbst herauskristallisiert, so dass eine Vielzahl an unterschiedlichen Charakteren entstehen konnten. Außer dem gemeinsamen Schlussbild überließ die Regie den Schauspielern auf der Bühne viel Freiraum, um in ihren Rollen experimentieren zu können.

Die musikalische Untermalung war wieder Aufgabe von Frau Möllinger.

Es ist wieder eine gelungene Inszenierung entstanden.

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