Weiterdenken
Badische Zeitung, 5. Oktober 1999
Ein Jahrtausend der Pest
Von Harl-Heinz Leven
Im Urkundenbuch der Stadt Freiburg findet sich für den 23. Januar 1349 die Eintragung: „ ... do wurden alle die juden, die ze Friburg in Brisgouwe in der stat waren, verbrannt, ane kint und tragent frouwen, umb das gros mort und missetat, so sü under einander angeleit hatten".
Die Missetat, zu der sich die Juden vermeintlich verschworen und derer sie, unter Einsatz der Folter, überführt worden waren, war die Brunnenvergiftung. Das Gift, so die erpresste Aussage eines verhafteten Freiburger Juden, sei über das Meer aus Jerusalem nach Straßburg und Freiburg gebracht worden. Ein geheimer „Judenrat" habe die Brunnenvergiftung gesteuert. Der Judenmord von 1349 in Freiburg war kein isoliertes Ereignis. Ausgehend von Südfrankreich, danach in der Schweiz und in Süddeutschland und weiter nach Norden und Osten, durchzog das Gerücht der jüdischen Brunnenvergiftung Europa. Überall wurden die Judengemeinden ausgerottet. Die angebliche Verschwörung der Juden hat es, das wussten einsichtige Zeitgenossen, nicht gegeben. Der Judenmord hingegen war geplant.
Offensichtlich bestand ein Zusammenhang mit dem „Schwarzen Tod", der Pestepidemie, die seit 1347, über See aus dem östlichen Mittelmeer eingeschleppt, Europa von den italienischen und südfranzösischen Seestädten her durchzog. Die Verluste durch die hochansteckende Seuche, gegen die die Medizin machtlos war, waren gewaltig. Der „Schwarze Tod" gilt in der nüchternen Geschichtswissenschaft, selbst im Vergleich mit nuklearen Szenarien, in medizinischer, wirtschaftlicher, religiöser und sozialer Hinsicht als die schlimmste Katastrophe, von der Europa je betroffen war.
Um welchen Krankheitserreger es sich 1347/48 handelte, lässt sich nicht angeben. Vermutungen, dass es sich um die echte Pest und deren Erreger „Yersinia pestis" handelte, sind wahrscheinlich, aber nicht beweisbar. Darauf kommt es auch gar nicht an. Wichtig ist, dass der „Schwarze Tod" für das mittelalterliche Abendland, ebenso für den Vorderen und Mittleren Orient, eine „neue" Krankheit war; „neu" in dem Sinne, dass sie in der Medizin ihrer Zeit unbekannt war, „neu" auch in dem Sinne, dass es sich aus heutiger Sicht vermutlich um einen Krankheitserreger handelte, mit dem die mittelalterliche Welt vorher über lange Zeit keinen Kontakt gehabt hatte. Aus den Erfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts weiß man, was geschieht, wenn ein Krankheitserreger ein „jungfräuliches Territorium" betritt. Bekannt sind verheerende Epidemien von europäischen „Kinderkrankheiten", so der Masern, auf tropischen Eilanden, die einen Großteil der Bevölkerung dahinrafften, weil keinerlei Immunität gegen diesen Erreger bestand. Von ähnlicher Art war vermutlich auch die rätselhafte Seuche der „Franzosenkrankheit", die seit Ende des 15. Jahrhunderts die Alte Welt heimsuchte und seit 1530 unter dem Namen „Syphilis" bekannt ist. In diesem Fall scheint, ähnlich wie beim „Schwarzen Tod", über See – vermutlich durch Christoph Kolumbus - ein Erreger eingeschleppt worden zu sein, der sich blitzschnell ausbreitete und seither nie mehr ausgerottet werden konnte. Allerdings war diese „neue" Krankheit, von anfänglichen Fällen abgesehen, im Unterschied zur Pest des 14. Jahrhunderts kaum tödlich, sondern eine chronische und wegen der geschlechtlichen Übertragung moralisch stigmatisierte Erkrankung.
Die medizinhistorische rückschauende Analyse derartiger Einbrüche „neuer" Krankheiten ist am interessantesten, wenn sie in erster Linie die Anschauungen der Zeitgenossen betrachtet. Projiziert man hingegen nur unser heutiges Wissen um Mikroben in die Vergangenheit, ergeben sich leicht Missverständnisse. Als Erklärungen für Seuchen dienten zur Zeit des „Schwarzen Todes" im Wesentlichen drei Theorien, eine medizinische, eine aus der Erfahrung gespeiste und eine religiöse.
Die Medizin des Mittelalters fußte weitgehend auf den Anschauungen der antiken griechischen Medizin. Eine Seuche war danach bedingt durch „Verunreinigungen" (griechisch: miasmata), die sich unter bestimmten klimatischen Bedingungen in der Luft befanden und durch den Atem gleichzeitig in viele Körper eintraten. Starke Sonneneinstrahlung, faulende organische Stoffe und Sümpfe galten als Brutstätten derartiger pesterzeugender Stoffe. Den Stoff selbst bekam die Medizin niemals zu fassen, er war denk- und erfahrbar, aber nicht sichtbar. Das Wesen der Pest war nach dieser Miasma-Lehre einer Massenvergiftung vergleichbar. Das beste Schutzmittel aus medizinischer Sicht war angesichts der Vergiftung der Luft die Flucht in eine andere Landschaft. Diese Reaktion, die vielfach in Pestausbrüchen bezeugt ist, war daher keine Panikreaktion, sondern eine vernünftige Maßnahme – vorausgesetzt, man konnte sich die Flucht leisten.
Neben der medizinisch-gelehrten Erklärung der Pest gab es die Erfahrung: sie besagte, dass Seuchen ansteckend, d.h. vom Kranken auf den Gesunden übertragbar sind, ein Gedanke, der damaligen Medizinern eher fremd war. Aus der Pflege erkrankter Angehöriger wussten hingegen die medizinischen Laien, in welcher Gefahr sie schwebten, wenn es sich um die Pest handelte. Der Zerfall so-zialer Bindungen war die Folge der Angst vor Ansteckung. Ähnlich wie die Mediziner, die nicht genau wussten, welcher Art das Miasma in der Luft war, hatten auch die Laien vom Ansteckungsstoff sehr unscharfe Vorstellungen. Hier war am ehesten wieder der Vergleich mit einem „klebrigen Gift", das an den Kranken und an Gegenständen, Kleidern, Auscheidungsprodukten haftete, naheliegend. Dieses Gift versuchte man abzuwaschen oder zu neutralisieren, mit Essig und aromatischen Substanzen – freilich kaum jemals erfolgreich.
Schließlich gab es eine dritte, die beiden erwähnten Seuchentheorien überwölbende Erklärung: Die religiöse Anschauung sah in der Pest abwechselnd eine Strafe für die Sünde einzelner oder ganzer Völker, gelegentlich auch eine Prüfung im Glauben. Diese vermutlich älteste Erklärung der Seuchen findet sich in den frühesten Quellen des Abendlandes und auch im Alten Testament. Im Unterschied zur Miasma-Lehre und zum Ansteckungsgedanken erforderte die religiöse Deutung kultisch-symbolische Bekämpfungsmaßnahmen – Gebete, Bußübungen, Votive. Dafür bot sie den bedrängten Zeitgenossen etwas, was weder Medizin noch Erfahrung in Seuchen je bieten konnten – eine Sinndeutung der Katastrophe.
Die Reaktionen der mittelalterlichen Gemeinwesen auf den „Schwarzen Tod" zeigten alle drei erwähnten Anschauungen, und zwar quer durch alle Bevölkerungsschichten. Zunächst hoffte man wie bei vielen Krankheiten auch in der Pest auf die Medizin. Sie war jedoch hilflos, Ärzte gehörten sogar zu den ersten und häufigsten Opfern. Die Schnelligkeit der Ausbreitung, dies wurde aus Erfahrung deutlich, lag an der ungeheuren Ansteckungskraft der Pest. Hiergegen suchte man sich in den folgenden Jahrzehnten durch die Einführung der „Quarantäne" zu schützen: Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurde es in italienischen Seestädten üblich, aus pestverdächtigen Gegenden einlaufende Schiffe, Mannschaften und Waren auf einer Hafeninsel zu isolieren, zunächst für 30 Tage, später für 40 Tage, daher der Name „Quarantäne", von italienisch „quaranta giorni" (vierzig Tage). Doch auch diese Maßnahmen wirkten nicht gegen die unmittelbare Vernichtungskraft der Pest. Es blieb die Erklärung, dass es sich bei der Seuche um eine Strafe des Himmels handelte – für die sündige Menschheit allgemein, oder für die verweltlichte Kirche des 14. Jahrhunderts, oder für den endgültigen Verlust des Heiligen Landes nach dem Scheitern der Kreuzzüge.
In einer Welt, in der die strafende Hand Gottes so real in das menschliche Schicksal eingriff, war auch sein Widersacher, der Teufel, ein realer Faktor. Hier nun ergab sich eine Gedankenverbindung, die in einer angsterfüllten Gemeinschaft für eine sozial und religiös augegrenzte Minderheit wie die Juden zum tödlichen Verhängnis wurde. Für den gläubigen Christen war es folgerichtig, dass sich der Teufel bestimmter Werkzeuge bediente, um die Christen zu verderben. Die Juden waren über viele Jahrhunderte als ausgegrenzte, aber sich auch selbstbewusst abgrenzende religiöse Minderheit, die noch dazu wirtschaftlich erfolgreich war, ein Objekt des Neides und Hasses gewesen. Nun kam der Gedanke der Brunnenvergiftung hinzu: Auch die nüchterne Medizin der Antike und des Mittelalters lehrte, dass die Pest eine Art Vergiftung der Luft mit einem schädlichen Stoff wäre. Weiterhin gehörte die Anweisung, Brunnen zu vergiften, etwa mit ungelöschtem Kalk oder Tierleichen, in den eisernen Bestand militärischer Handbücher seit der Antike. Nichts lag näher, als die Enstehung der sonst unerklärlichen Pest einer Brunnenvergiftung gigantischen Ausmaßes zuzuschreiben: Die der Verschwörung gegen die Christenheit lange schon verdächtigen Juden, ausgestattet mit den notwendigen Kenntnissen gerade auch der Medizin, wurden für fähig gehalten, ein derartiges Gift zu bereiten und gezielt auszustreuen. Der in seiner Gesamtheit absurde Gedanke der Brunnenvergiftung bestand also aus einzelnen Komponenten, die jede für sich glaubhaft waren. Seine tödliche Wirkung entfaltete das Gerücht über das Komplott der Juden, indem es der Pest vorauseilte.
Betrachtet man die Seuchengeschichte der jüngeren Vergangenheit, so hat sich in der Medizin der Ansteckungsgedanke seit dem späten 19. Jahrhundert glanzvoll durchgesetzt. Die Bakteriologie hat nach und nach die Erreger gefürchteter Krankheiten isoliert, ihre verursachende Rolle nachgewiesen und meist nach wenigen Jahren Heilmittel bereitstellen können. Die Hoffnungen, gegen das zu Beginn der 80er Jahre unseres Jahrhunderts erstmals isolierte HIV-Virus, den Erreger der AIDS-Erkrankung, recht bald ein wirksames Mittel zu entwickeln, basieren zum einen auf dem Glauben, dass man jedes medizinisch-biologische Problem lösen kann, vorausgesetzt man wendet genug intellektuelle und finanzielle Kraft auf. Beides ist bei AIDS der Fall. Hinzu kommt eine Art Beweisführung aus der Geschichte: Jede Krankheit, die in vergangenen Epochen verheerend gewirkt hat, wurde mit der Zeit beherrschbar. Der „Schwarze Tod" und die Folgeepidemien dauerten bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts, danach zog sich die Pest aus Europa zurück. Freilich ist die Rolle der Medizin bei diesen Sieg über die Pest nicht sicher fassbar. Am wichtigsten scheinen eine allgemein verbesserte Hygiene, der Wohnkomfort und möglicherweise eine Ausrottung bestimmter Rattenpopulationen gewesen zu sein. Der Erreger der „Geschlechtspest" des Jahres 1500, der Syphilis, wurde 1905 entdeckt. Kaum vier Jahre später entwickelte der Nobelpreisträger Paul Ehrlich, heute abgebildet auf dem 200-Mark-Schein, ein Chemotherapeutikum gegen die zu seiner Zeit außerordentlich häufige Syphilis. Hier vergingen also zwischen der Entdeckung des Erregers und der Entwicklung des Heilmittels nur wenige Jahre. Wie wird es bei AIDS sein?
Optimisten, die an ein Heilmittel oder eine Impfung innerhalb von fünf Jahren nach der Entdeckung des Erregers hofften, sind längst widerlegt. Die Geschichte der Syphilis lehrt, dass es auch vierhundert Jahre dauern kann, bis ein wirksames Heilmittel zur Verfügung steht.
Der allgemeine Fortschrittsoptimismus, der die Heilkunde seit dem Ende des 19. Jahrhunderts prägte und im Gebiet der naturwissenschaftlich-technischen Medizin zu einer im historischen Maßstab einmaligen Leistungsfähigkeit führte, hat sich in den letzten Jahren nahezu in sein Gegenteil verkehrt.
Die einst scharfen Waffen der Medizin, so die Antibiotika gegen Bakterien, sind vielfach stumpf geworden. Resistente Keime bevölkern ausgerechnet die Intensivstationen der hochgerüsteten Klinika und sind damit im verwundbaren Zentrum des Systems angelangt. Von außen gelangen mit dem weltweiten Reiseverkehr innerhalb von Stunden Kranke und mit ihnen Krankheiten in unsere Städte, die direkt aus dem Regenwald stammen. Das Erregerreservoir, das uns dort erwartet, scheint unerschöpflich. Zwar herrscht gegenwärtig eine medizinisch-naturwissenschaftliche Anschauung über die ansteckenden Krankheiten vor, auch außerhalb der Medizin. Aber allzu dick ist diese Kruste der Vernunft über einem sehr weichen Kern nicht. Dies wird deutlich, wenn die bislang sicheren Mittel der Medizin gegen eingeschleppte Seuchen einmal versagen, wie dies in jüngster Zeit bei uns und in anderen Ländern der Hochleistungsmedizin geschieht. Auf einmal sind die alten Ängste vor Seuchen lebendig. Stets kommt der Feind, denn als solche stellen wir uns die andringenden Mikroben vor, von außerhalb. Doch sind wir weit entfernt davon, eine Minderheit für die Ausbreitung einer Seuche verantwortlich zu machen. Kurzfristige Tendenzen, etwa AIDS mit der Randgruppe der Homosexuellen in ursächliche Verbindung zu bringen, hatten und haben in weiteren Kreisen der öffentlichen Meinung keine Chance. Eher schon hat ein anderes uraltes Motiv hier seine Wirkung entfaltet: Der Glaube, dass eine Seuche die verdiente Strafe des Himmels für Sünde sei. Doch diese Anschauung endet spätestens angesichts der zehntausende „unschuldig" infizierter Bluterkranker.
Wie steht es mit dem Gerücht der Brunnenvergiftung im Gesamtbild der gegenwärtigen Plagen? Jedes Gerücht kleidet sich in ein zeittypisches Gewand, so war der Brunnenvergifter des 14. Jahrhunderts ein Jude, tätig im Auftrag einer „jüdischen Weltverschwörung". Im 17. Jahrhundert glaubte man in Italien, dass „Pestsalber" (italienisch: untori), geborene Verbrecher wären, die nächtens die Mauern der Stadt mit klebrigem Pesteiter beschmierten. Im 20. Jahrhundert trägt der Brunnenvergifter einen weißen Arztkittel und darunter eine Uniform – die Uniform der US.Armee; im Zuge des Kalten Krieges kam Mitte der 80er Jahre der Gedanke auf, die CIA hätte das HIV-Virus absichtlich gezüchtet, um bestimmte Populationen zu dezimieren. Das Gerücht ist genauso absurd wie alle anderen Geschichten über Brunnenvergifter – und doch in seinen Einzelkomponenten wiederum glaubhaft. Bekanntlich verfügt das Militär weltweit über Kenntnisse und Fähigkeiten zur Herstellung biologischer Kampfstoffe und bekanntlich ist die Virologie eines der medizinischen Gebiete, auf dem am intensivsten geforscht wird, und zwar mit der für Laien geheimnis- und gefahrumwitterten „Gentechnik", die in entsprechenden Publikationen gerne auch als „Genmanipulation" bezeichnet wird. Nichts liegt näher, als diese Fakten mit einem stets irgendwie begründbaren Verschwörungsgedanken zu kombinieren.
Unterdessen sind die Gerüchte über einen tödlichen Erreger „aus dem Genlabor" jedoch weitgehend verstummt. Die öffentliche Wahrnehmung der Seuchen hat sich auf ein anderes Motiv verlagert, die Seuche als „Strafe des Himmels". In der Öffentlichkeit herrscht die Vorstellung, das Auftreten „neuer" Seuchen sei eine Art Rache des Regenwaldes. Dahinter steht der kulturpessimistische Gedanke, dass der Mensch seine eigenen Lebensgrundlagen beziehungsweise die „Natur" zerstöre. Die „Natur" aber lasse dies nicht ungestraft zu: Sie schlage zurück, die ausführenden Organe dieser Strafaktion seien die aus dem Regenwald nach Europa aufbrechenden Mikroben.
Diese Anschauung ist nicht sehr weit entfernt von dem Glauben früherer Epochen, dass Seuchen als Strafe eines persönlich vorgestellten Gottes über die frevelhafte Menschheit kämen. Gott ist heute abgelöst von der abstrakten „Natur", die mit einer Art höheren Vernunft den Menschen strafe.
Einmal abgesehen von der Tatsache, dass grundsätzlich kulturpessimistische Töne seit dem Mittleren Reich in Ägypten immer wieder angeschlagen wurden, so erstaunt, dass in der gegenwärtigen Spielart des Medizinpessimismus der Mensch gegen die „Natur" stehen soll. Der Mensch kann aber nicht gegen die Natur wirken, ist er doch ein selbstverständlicher Teil von ihr. Der vielbeschworene „Kampf" zwischen Mikroben und Mensch ist ein evolutionäres Wechselspiel von Aktion und Reaktion bis zur Einpendelung in einem neuen Gleichgewicht. Zahlreiche Keimarten besiedeln den Menschen, ohne dass er dies bemerkt, einige Keime im Darm sind sogar für die Verdauung notwendig, hier hat sich eine Symbiose eingestellt. Andere Keime wie der Pestbazillus im Mittelalter oder das AIDS-Virus in der Gegenwart, von Ebola, Hanta, oder Lassa ganz zu schweigen, sind für den Menschen tödlich. Dies bedeutet aber auch, dass es sich evolutionär um eine Sackgasse handelt. Ein Keim, der seinen Wirt umbringt, ist aus der Sicht einer „vernünftig eingerichteten" Natur nicht allzu erfolgreich. Alles was die Medizin leisten kann und gegen die tödlichen Seuchen stets aufs Neue probiert, ist, die natürliche Einpendelung des Gleichgewichts zwischen Mikrobe und Mensch erstens zu beschleunigen und zweitens zugunsten des Menschen zu steuern. Es geht also um den Preis des Gleichgewichts, den der Mensch zahlen muss. Dieser Preis kann unermesslich hoch sein, aber er wurde in der Geschichte schon des öfteren bezahlt.
© 1999 Badische Zeitung