Wer war eigentlich Joseph Victor von Scheffel?
Über den Namen der Schule
Ein Beitrag von Ulrich Wilhelm
Wer war Scheffel?
Keine Büste, keine Gedenktafel, keinerlei Hinweis in oder am Schulhaus können den Unwissenden auf die Sprünge helfen: Es scheint, als wäre Scheffel im "Scheffel" inexistent oder gar tabu.
Wer war Scheffel?
Genauso wenig wie ein Gang durchs Schulhaus liefert ein Besuch unserer Anstalt eine Antwort auf die gestellte Frage. Bei einer aktuellen Umfrage (im April 99) unter ca. 170 Schülern (Zufallsauswahl) der Klassen 6 bis 12 kam nämlich eine frappierende Unkenntnis der "Scheffel"-Schüler über die Person Scheffel zum Vorschein. Nicht einmal den korrekten Vornamen, geschweige denn seine Lebensdaten oder irgendwelche Fakten zum Werk hatten 98 Prozent der Befragten präsent. Ein einziger unter allen Befragten hatte tatsächlich schon einmal etwas von Scheffel gelesen.
Wie auch immer man dieses Ergebnis, das unter Lehrern übrigens wohl ähnlich ausgefallen wäre, auch deutet: Die Lehrer tragen durch ihr offensichtliches Unverhältnis zu Scheffel einen Hauptteil der Ursachen für das ausgeprägte Unwissen der Schüler.
Wer also war Scheffel? Dritter Anlauf...
Wenn unser Schulhaus und der (Deutsch-) Unterricht keinerlei Antworten gibt, so lassen wir einfach ein Lexikon sprechen:
| Scheffel, Joseph Victor von
(seit 1876), * Karlsruhe 16. Februar 1826, + ebd. 9. April 1886, dt. Schriftsteller. Jurastudium, ab 1850 Rechtspraktikant in Heidelberg, dann in Säckingen, wo er ein volkstüml. Versepos "Der Trompeter von Säckingen" (1854) begann, und in Bruchsal. 1852 reiste er als Malerpoet nach Italien. Bald nach der Rückkehr Austritt aus dem bad. Staatsdienst. Aufenthalt am Bodensee und in St. Gallen zu Eckhart- Studien; Scheffels Roman "Ekkehard" (1855) wurde der erfolgreichste deutsche Roman des 19. Jahrhunderts (175 Auflagen bis zum Ersten Weltkrieg!). 1856 in München, Verbindung zum Münchner Dichterkreis. 1857 Archivar und Bibliothekar auf Schloss Donaueschingen. 1863 Gast bei J. Freiherr von Laßberg auf Schloss Meersburg, dann beim Großherzog von Sachsen-Weimar; 1865 sächs.-weimar. Hofrat. Verbrachte die letzten Lebensjahre seel. und körperl. krank bei Radolfzell am Bodensee. - Scheffel war ein volkstümlicher, oft trivialer, humorvoller, stets epigonaler Epiker und Lyriker des sog. Butzenscheibenlyrik. [...] Er vertritt in seinen Werken eine patriot. Haltung und flüchtet thematisch in eine vaterländ.-heroische Vergangenheit. Er wurde zum Lieblingsschriftsteller des gehobenen Bürgertums in der Wilheminischen Zeit. |
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Natürlich tummelt sich auch Joseph Victor von Scheffel im Netz der Netze. Hier ein paar Links, die vor allem zu einigen Gedichten führen:
| Biografisches | Joseph Victor von Scheffel |
| Scheffel beim Projekt Gutenberg | |
| Briefe aus der Fränkischen Schweiz | |
| Über das Scheffel-Archiv | Scheffel-Archiv |
| Lieder und Gedichte | Liederverzeichnis |
| Alt Heidelberg du Feine | |
| Das war der Zwerg Perkeo | |
| Als die Römer frech geworden | |
| Wohlauf die Luft geht frisch und rein... | |
| Das Frankenlied | |
| Zum Roman "Ekkehard" | Ekkehard |
Scheffel und Lahr
Scheffel befindet sich, was seine Nähe zu Lahr angeht, in guter Gesellschaft. Auch von Max Planck oder Clara Schumann nämlich ist eine intensive Beziehung zur Stadt Lahr nicht bekannt, und dennoch wurden sie als Namenspatrone zweier hiesiger Gymnasien nicht verschmäht. Da kann Scheffel sogar durch seine Freundschaft mit Ludwig Eichrodt mit einem indirekten Bezug zu Lahr aufwarten. Und dass er in einem Brief Lahr gar als "Schutter-Athen" bezeichnete, gibt, selbst wenn man den ironisierenden Beiklang nicht überhört, Scheffel wohl einen zusätzlichen Sympathieschub.
Der Name der Schule
Dieser Sympathieschub für den "Butzenscheibenlyriker", "epigonalen Epiker" und "Lieblingsschriftsteller des gehobenen Bürgertums in der wilhelminischen Zeit" muss kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1946 erstaunlicherweise noch sehr wirksam gewesen sein. Denn als nach knapp 150 Jahren Schulgeschichte zum zweiten Mal ein Name für unser Gymnasium gesucht wurde (1937 bis 1945 hieß es nach dem Lyriker und Freiheitskämpfer der Napoleonischen Zeit "Theodor-Körner-Gymnasium"), zauberten die zuständigen namengebenden Gremien in Lahr den guten alten Scheffel aus dem Hut. Weil Ludwig Frank, der 1914 gefallene ehemalige Schüler unserer Schule aus Nonnenweier, der sich als markanter Reichstagsabgeordneter der SPD Meriten erwarb, ebenfalls als möglicher Namensgeber im Spiel war, mag 1946 manchem Entscheidungsträger der harmlose Scheffel um so reizvoller erschienen sein. Jedenfalls trägt unsere Schule seit diesem Zeitpunkt ihren Namen - und kümmert sich kaum darum.
Mit Scheffel leben?
Wie aber leben mit einem toten Dichter, einem heute mausetoten im allerweitesten Sinne?
Dazu bieten sich folgende Varianten an:
- Soll man ihn in seiner Grabesruhe belassen und weiter nicht daran rühren?
- Oder sollte man im "Club der toten Dichter" ein Eckchen für Scheffel reservieren? Das würde allerdings bedeuten, dass man sich des Namenspatrons regelmäßig erinnerte, dass man versuchte, das Erinnern mit Leben zu füllen - keine leichte, aber vielleicht eine reizvolle Aufgabe, besonders für die Deutschlehrer der Schule.
- Oder sollte man sich - die ketzerischste der Varianten - mittel- oder langfristig auf die Suche nach einem neuen, lebendigeren Namensgeber für die Schule machen?
Vielleicht löst diese Diskussion beim geschätzten Leser ja ein Echo aus und er stellt seinen Beitrag dazu ins Netz: Wie solte es Ihrer Meinung nach mit Scheffel am "Scheffel" weitergehen?