Die alte Scheffel-Turnhalle - Dame mit Vergangenheit

Aktualisiert am: 13.6.2004

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Eine Einrichtung, die der Schulgemeinschaft über 50 Jahre für die verschiedensten Zwecke diente, ist die alte Scheffel-Turnhalle, die gerade in jüngster Zeit als Konzerthalle wieder zu neuen Ehren kam, wenngleich unter seltsamen Begleiterscheinungen in Bezug auf ihre Benennung.

Von Beginn an erfüllte die Halle die zweifache Aufgabe als Sporthalle und als Feierraum; so war sie immer zugleich Schauplatz schlimmer Qualen für den sportlich weniger Talentierten und Schauplatz ausgelassener Freude. Und höchst feierlich ging es auch gelegentlich zu. Alle Theaterstücke von 1923 bis zum Umzug ins neue Haus gingen hier über die Bühne; alle Abiturfeiern während diesen halben Jahrhunderts fanden hier statt.

Die Halle konnte sehr unterschiedliche Gesichter zeigen: Hatte sie ihr Alltagsgesicht aufgesetzt, hieß das beispielsweise beim Fußballspielen zwischen den an den Seiten stehenden Barren herumzukurven. Auch der Hausmeister konnte ein Lied singen von ihren Unzulänglichkeiten, wenn er in kurzen Abständen neue Fensterscheiben einsetzen musste, die beim Ballspielen zu Bruch gegangen waren.

Für das Feiertagsgesicht verwandelte sich die Turnhalle zur wahren Festhalle; sie konnte sich nicht nur äußerlich, sondern auch atmosphärisch auf das Feierlichste herausputzen. Ganz besondere Höhepunkte im jeweiligen Schuljahr waren die Hausmusikabende, und da gelang es einer „Carmina Burana“ unter Leitung von Reinhold Ummenhofer in der berstend vollen Halle ganz von selbst alle Stufenbarren- oder Bodenturnqualen, die sich unlängst im gleichen Raume abgespielt hatten, vergessen zu machen.

Ihre eigenen Gedanken über diesen changierenden Charakter und den besonderen Charme des 80jährigen Gemäuers macht sich eine ehemalige Schülerin des Abitursjahrgangs 1974 im nachfolgenden Text, den wir hier ohne Kürzungen wiedergeben. (U.W.)

Die alte Scheffelturnhalle in neuer Funktion


Dame mit Vergangenheit

Hommage an die Turnhalle des alten
Scheffel-Gymnasiums: Musis, Deo, Patriae

Räume erzählen Geschichten. Klassenzimmer zum Beispiel berichten vom Wohl und Wehe der durch sie hindurchgegangenen Schüler- und Lehrergenerationen, von sich schier ewig dahin ziehenden Stunden der Langeweile, von immergleichen Witzen und Streichen, von Solidarität ebenso wie von Verrat und Lüge, von bösen Stunden gegenseitiger Demütigung wie von Sternstunden des Einverständnisses und der Erkenntnis. Klassenzimmer riechen deshalb immer ein bisschen nach Schweiß, Jugend, Papier und Kreide.

Wer unsere Turnhalle im alten Scheffelgymnasium betritt, begegnet jedoch mitnichten allein den Geschichten vom Alltagslos der Schüler, vielmehr träumt sie jetzt, altehrwürdig und in einem Glanz herausgeputzt, den sie nie zuvor erreicht hat, von jenen großen Zeiten, in denen sie Hort sein durfte für Triumph und Niederlage im rhetorischen, theatralischen, musikalischen und sportlichen Leben ihrer Schule.

Zwar hatte sie durchaus ihr Alltagsgesicht. Dann war sie nichts als eine Turnhalle, eine sehr große zwar, aber in die Jahre gekommen. Die Böden quietschten, wenn eingelaufen wurde, sie waren blank von Bohnerwachs, das in der Luft hing und von Schweißpfützen, die nicht schnell genug aufgesogen werden konnten, so dass sie gefährliche Fallen wurden für die mit Turnschuhen und gruselige Empfindung für die, die aus Vergesslichkeit barfuss turnten. Stunde für Stunde teilte sich in ihr die Welt in zwei Menschengruppen: in die, die elegant über Kastentürme flankten und sich federleicht an Ringen überschlugen, und die, die sich an den gefürchteten Barren blaue Flecken holten und an den unendlich hohen Stangen wie nasse Säcke hingen. Mannschaftskapitäne stellten hemmungslos nach Sympathie ihre Gruppen zusammen, ein paar arme Tröpfe - es waren immer die gleichen - wurden zuletzt und murrend aufgerufen, was sie tapfer und mit schiefem Lächeln entgegennahmen, nicht ohne sich ein für alle Mal vom corpore sano abzuwenden und sich zu schwören, bei der Entgegennahme des Nobelpreises für Astrophysik oder bei der berühmten Rede im PEN-Club alle jene mit Verachtung zu strafen, die jetzt hinterhältig feixten. Mancher Sportlehrer gab sich versonnen seinen Betrachtungen über die Vergeblichkeit des irdischen Tuns hin, jene unglückliche jugendliche Lehrkraft zum Beispiel, von der die Sage ging, sie habe einstmals in der deutschen Basketballnationalmannschaft gespielt und wolle nun junge Talente aufbauen. Jetzt, an einem sommerlichen Spätherbsttag - die Sonne fiel schräg durch die himmelhohen Fenster der Halle, Staubflocken tanzten, goldenes Licht gleißte - entschloss sie sich, das Spiel ihrer Mädchenmannschaft bei einem Punktstand von 78:95 abzubrechen.

Höhe- und Glanzpunkte des langen Lebens unserer Turnhalle waren aber jene sechs  oder sieben Tage im Jahr, da sie sich in eine Aula verwandeln durfte. Hektische Vorbereitungen, getroffen durch aufgeregte Lehrkörper, den Hausmeister nebst Putzequipe und einige als würdig und stark befundene Schüler älteren Semesters, kündeten die Ereignisse an. Kasten und Barren wurden auf die Seite geschoben, die Ringe in kühnem Design zur Seite gebunden und festgezurrt, so dass sie nicht auf die Köpfe des erwarteten Publikums herabfallen konnten, Stühle wurden herbeigekarrt und aufgestellt und schließlich das Podium mitsamt Lorbeerbäumen und Blumenarrangements auf der Bühne aufgebaut, für den Dirigenten oder Redner, je nach Anlass. Das Gros der Schülerschaft durfte an den Vorbereitungen nicht teilnehmen und betrat dann am Abend des Festes staunend, ebenso frisch gewaschen wie diese, ihre Turnaula. 

Festanlässe gab es zweierlei. Einmal im Jahr wurden Abiturienten in einer feierlichen Stunde verabschiedet, bewundert und begleitet von Eltern, Geschwistern und jüngeren Schülern, gelobt, erstmals als ihresgleichen behandelt und plötzlich nostalgisch geliebt von ihren Lehrern. Diejenigen, welche mit Gelassenheit diesem Tag entgegengesehen hatten, holten mit nicht minder klopfendem Herzen ihre Zeugnisse ab als jene, die gerade noch mit knapper Not und banger Hoffnung nun strahlen konnten wie alle anderen: geschafft. Reden, ebenso gut gemeint wie schlecht gedrechselt, Wünsche und Gratulationen gingen kaum gehört an ihnen vorüber, wurden verdeckt von jenem alles überstrahlenden und im Leben selten noch einmal in dieser Reinheit genossenen Gefühl des Triumphs und Aufbruchs, gemischt mit den ersten Tropfen von Abschied und Wehmut.

Nicht minder triumphal gestalteten sich jene anderen Festanlässe, die die Schule beging, die Theater- und später die Hausmusikabende. Dann wurde die kleine, enge und ewig knarrende Bühne mit ihren vom Staub der Jahrhunderte schwer gewordenen Samtvorhängen zu den Brettern, die die Welt bedeuten. Wohl möglich, dass die Theaterpremieren von „Weh dem, der lügt“ und „Biedermann und die Brandstifter“ auf anderen Bühnen perfekter abliefen, dass das erste Klavierkonzert von Beethoven von Friedrich Gulda, das Händelsche Halleluja von der Academy St. Martin in the Fields exakter gespielt und gesungen waren - vielleicht auch begünstigt durch den Umstand, dass nicht zwölf Querflöten die fehlenden Streicher ersetzen mussten - was aber Begeisterung, Überzeugung und Inbrunst der Interpreten und der Zuschauer betrifft, so konnte sich kein Konzerthaus, kein  Theater dieser Welt mit der Bühne des Scheffelgymnasiums messen. Es war die Liebe der ersten Begegnung, der Initiation und der Zusammengehörigkeit, die Musik und Schauspiel zum unvergesslichen Erlebnis machten. Liebe und Hingabe waren echt, bei allem, was womöglich schief und unvollkommen war, wir hörten es nicht, wir sangen und spielten, was Händel, Mozart oder Beethoven gemeint hatten beim Komponieren, und für uns wurde es zum Meisterwerk. Denn es waren ja alle miteinander verbunden, Dirigent, Chor, Musiker, Schauspieler und Publikum, nirgends war Raum für kritische Distanz, und sie wäre auch fehl am Platz gewesen, denn baden wollte man im Wohlgefühl, von Musen und Kunst zu Höherem gezogen worden zu sein, wie es sich für Humanisten gehört. Dass am nächsten Tag viel Irdisches und Kummervolles wieder seinen Platz einnahm, tat der Freude keinen Abbruch, zumal die Protagonisten der großen Triumphe noch immer vom Glanz des Geschehens umflossen über den Pausenhof wandelten, begleitet vom ehrfürchtigen Geflüster der Sextaner, angeschmachtet von Untertertianerinnen und beneidet von allen jenen, denen lediglich die Aufgabe des Vorhangziehens oder des Triangelspiels zuteil geworden war.

Aufführung  „Die Perser“ von Aischylos, 1963

Zeugin der Liebe und all ihrer grausamen, leidvollen und beglückenden Spielarten war sie auch, die Turnhalle, zusammen mit den Schulgängen, dem Pausen- und dem Fahrradhof. Eine gute Gelegenheit dazu boten die Schulbälle, die ebenfalls in der Aula stattfanden, unter den Augen Dienst habender Pädagogen zunächst, später nur von Ferne begutachtet. Dann bekam die Turnhalle ein ganz anderes Gesicht, wurde abgedunkelt, mit Lautsprechern ausgerüstet und von kreativen Organisationskomitees aufwendig und kostengünstig dekoriert, Schulbands wurden gegründet und Tonbänder mit Wissen und Bedacht auf ihre Nähe fördernde Wirkung zusammengestellt. Schulbälle wurden lange und sehnsuchtsvoll erwartet. Da sollte, neben der Erfüllung in der Liebe, endlich stattfinden, was mehr war als Kleinstadt und Provinz, das Verruchte, das Lasterhafte oder doch einfach das von Eltern und Lehrern nicht Erlaubte, von dem kaum einer wusste, was es eigentlich war. Tatsächlich fand auch einmal das Unerhörte statt: Im dunklen Saal wurde (verbotenerweise) Alkohol ausgeschenkt, (erlaubterweise) geraucht, die Gymnastikmatten waren (verbotenerweise) zu Liegewiesen umfunktioniert worden, und man lag knutschend darauf, umtost von Janis Joplin und Jimi Hendrix.  „Born to be wild“: Easy Rider, Woodstock und Kommune 1 im Lahrer Scheffelgymnasium – welche Befreiung! Und die Wirkung blieb nicht aus: empörte ebenso wie verstörte Lehrer, Elternvertreter und Stadträte rückten an, um sich das Debakel anzusehen und wenn möglich abzubrechen, es kam zu Aufruhr und Tumult, und es brauchte den besonnenen Einspruch liberaler Eltern und Lehrer, um den Eklat mitsamt Streik, Schulausschluss und Ballverbot zu verhindern. Wer aber von den Schülern zu jung, zu brav oder zu unglücklich gewesen war, um an jenem Abend teilzunehmen, würde es bereuen bis zum heutigen Tag.

Kaum zu glauben, dass Triumphe wie Niederlagen, die große Liebe, die Sehnsucht, Intrigen, Betrug und Freundschaft,  Protest und Widerstand sich Generation für Generation wiederholten, in unterschiedlichen Formen zwar, aber mit der immer gleichen Kraft und Überzeugung der Jugend, dass noch nie zuvor etwas Vergleichbares geschehen sei. Aber es muss wohl so gewesen sein, fast zweihundert Jahre lang, und es geht mit jeder neuen Klasse weiter. Uns, die wir noch in der „alten“ Aula feiern durften, will es scheinen, als ob diese Feierlichkeit und diese Höhepunkte in einem der teppichbodenbezogenen und betonierten Kommunikationszentren moderner Schulen nicht zu erleben seien. Und doch ist es so, denn, wovon die alte Aula träumt, bleibt bestehen: die Gemeinschaft aus Schülern, Lehrern und Eltern, die sich ab und zu einmal zusammenfindet, um mehr zu werden, als die Summe ihrer Teile. Von allem anderen aber wird bleiben, der durch sie hindurchging: der Wind.

Juliane Krämer-Papst


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